TV-Tipp: Wölfe, Schafe und Legenden 5.April.2006
Posted by Sven de Vries in Termine.add a comment
2 Teilige Doku. - 1. Teil - Die Rückkehr der Wanderschäfer in Rumänien & 2. Teil - Das Osterfest der Wanderschäfer in Rumänien
Beschreibung: Die wildesten Geschichten werden von den Wanderschäfern in Rumänien erzählt. Von ihren großen Herden, von dem unglaublichen Reichtum, von den prunkvollen Häusern, die sie in Jina und Poiana, in ihren Dörfern in den Südkarpaten erbaut haben.
Drei Viertel des Jahres ziehen sie mit ihren Herden übers Land auf der Suche nach Weideflächen. Sie schlafen am Boden, leben spartanisch, schlagen sich mit Wölfen herum und mit den neuen Besitzverhältnissen im heutigen Rumänien. Ein Viertel des Jahres leben sie zu Hause wie Herren in ihren prunkvollen Häusern.
Seit Jahrhunderten ziehen die Wanderschäfer aus diesen Dörfern im Herbst mit ihren Herden von 500 bis 1 000 Schafen in die milderen Regionen des Landes, in die Donautiefebene, ins Banat, nach Arad oder ins Hügelland am Tirgu Mures. Dort überwintern sie und kehren zum Osterfest in ihre Dörfer zurück. Das Fest ist für die Schäfer der Höhepunkt des Jahres. Es dauert eine Woche. Danach beginnen schon die Vorbereitungen zum nächsten Aufbruch. Das Weideland um ihre Dörfer ist zu klein für die großen Herden. Zuerst ziehen sie in die Berge auf die Almen und dann, wenn es kälter wird, wieder zu ihren weit entfernten Winterquartieren.
Hintergrund: Jina und Poiana sind zwei Bergdörfer in den Südkarpaten. 20 Kilometer von Sebes, der nächsten Stadt entfernt. Sebes hieß früher einmal Mühlbach und war eine deutsche Siedlung in Siebenbürgen, in Transsylvanien. Jina und Poiana sind die Heimatdörfer der letzten Wanderschäfer in Rumänien. Zum Osterfest kehren die Wanderschäfer in ihre Bergdörfer zurück, bleiben dort drei, vier Wochen, ehe sie wieder, wie seit Jahrhunderten, die Wanderungen zu den weitentfernten Weidegründen für ihre Schafe aufnehmen. Im Sommer ziehen sie in die Berge und im Herbst hinunter ins milde Klima der Donauftiefebene oder in die Mitte Rumäniens nach Satu Mare und Tirgu Mures.
Wo genau diese Winterquartiere sich befanden, darüber gingen die Meinungen unserer Helfer in Rumänien weit auseinander. Zwei, drei Tage suchten wir vergeblich in der weiten Landschaft um Tirgu Mures nach Wanderschäfern aus Jina und Poiana, um schließlich in der verlassensten Gegend auf Jon Vonica zu stoßen und Georghie, seinen Helfer. Die beiden waren seit drei Monaten in der Denescheiba im Winterquartier und bereiteten gerade ihre Rückkehr nach Jina vor. Jon wirkte mehr wie ein Seeräuber als wie ein Schäfer. Er war braungebrannt, groß gewachsen und, wie sich noch herausstellen sollte, ein guter Schauspieler und ein noch größeres Schlitzohr. Der alte Georghie dagegen wirkte ein wenig schüchtern und zurückhaltend. Er hatte, wie er oft betonte, schon zuviel vom Leben mitbekommen.
Das Winterquartier lag in einer Hügellandschaft. Die Unterkunft bestand aus einem überdachten, seitlich offenem Holzkasten, halb so groß wie ein Hühnerstall. In ihm schliefen Jon und Georghie. Daneben gab es einen Pferch für die Schafe. Jon erzählte gleich von seinen täglichen Auseinandersetzungen mit den Wölfen, von den Verlusten, die er im Winter hinnehmen musste, von der schlechten Zeit für Schäfer und und und…
Wir übernachteten dort und hörten kurz nach Mitternacht, wie seine Hunde einen Wolf jagten, der scheinbar ein Lamm geholt hatte. Die Meute kehrte bald unverrichteter Dinge zurück. Der Wolf musste sich schnell seiner Verfolger entledigt haben.
Am nächsten Tag brachen Georghie und Jon auf, - aber erst, nachdem die Höhe des Honorars für Jons Filmpräsenz unter Jammern, Klagen und Hinweisen auf seine schlechte Finanzlage geklärt war - um nach Jina zurückzukehren. In zwei Wochen wollten sie zu Hause sein. Wir vereinbarten unterwegs Treffpunkte, um die Rückkehr nach Jina filmisch zu dokumentieren.
Unterhalb von Jina und Poiana liegt die alte deutsche Siedlung Dobirka. Von den ehemals 500 deutschen Einwohnern leben heute nur noch 15 im Dorf. Der Bäcker von Dobirka, der etliche Jahre als Zimmerer für die Wanderschäfer in Poiana gearbeitet hatte, erzählte uns, warum deren Häuser so prunkvoll gebaut wurden: Drei Viertel der Räume in diesen großen Häusern - von denen die meisten noch unverputzt sind - werden nicht benutzt, sie dienen nur der Repräsentation. Die Familien der Schäfer bewohnen in den großen Häusern ganz bescheiden nur ein, zwei Räume, so viele, wie zuvor in ihren kleinen Häusern. Die Situation der Wanderschäfer in Rumänien, so hört man in den Bergdörfern Jina und Poiana, ist zur Zeit sehr prekär. Die Zeit Ceaucescus hat ein großes Durcheinander auf den landwirtschaftlichen Grundstücken Rumäniens hinterlassen. Staatseigentum von früher wurde Privatbesitz. Viele der alten Schafwege sind für die Herden heute gesperrt. Die neuen Grundbesitzer achten streng darauf, dass auf ihrem Privatgrund keine Schafe weder weiden noch durchziehen. Zudem hat das Kapital Schaf in den letzten Jahren viel an Wert verloren.
Von den einstmals 40 Herden von Jina gehen heute nur noch sieben auf die Walz. Einige gaben auf, wie der Fellgerber Konstantin aus Jina erzählte, andere wurden sesshaft und kauften sich Grundstücke und Höfe in Regionen mit milderem Klima. Nur einmal im Jahr, zum Osterfest, kehren alle ins Dorf zurück: Wanderschäfer und ehemalige Wanderschäfer.
Sender: 3sat
Sendetermin: 16.04.2006 - 12.15 Uhr (1. Teil) &
17.04.2006 - 12.15 Uhr (2. Teil) je 45 min.


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